Reiseberichte


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INS LAND DER AUFGEHENDEN SONNE

Der Anflug auf JAPAN gestaltet sich ziemlich aufregend! Zuerst schon hat die Maschine wegen Sturms einige Stunden Verspätung, der Flug selbst verläuft äußerst unruhig und die Landung unter heftig schwankenden Flügeln ist sicher nichts für mit Flugangst Gepeinigte! Alle atmen jedenfalls erleichtert auf, als die Motoren abgestellt werden.
Tokio ist ganz anders, als wir es uns vorgestellt haben: Zwischen den Hochhausgiganten prägen durchaus auch einfache und niedrigere Häuser mit bunten Reklamen das blitzsaubere Straßenbild. Ruhe und Gelassenheit strömen die Menschen hier aus, die einzigen, die in den bis zu 400 m langen unterirdischen Gängen herum hetzen, sind oftmals wir, um noch eine Metro oder einen Bus zu erwischen.
Auch den Mythos von vollgepferchten U-Bahnen können wir nicht nachvollziehen. Die meisten Züge verkehren in einer Frequenz von zwei Minuten, sind sauber und nie überfüllt, wir finden zu jeder Tageszeit einen Sitzplatz vor. Das Publikum stellt sich meist aus in tadellos schwarzem Anzug bekleideten Geschäftsmännern und schick angezogenen Frauen dar, denn gut und modisch angezogen zu sein, besitzt hohen Stellenwert. Schulkinder tragen Uniformen – Burschen einen Anzug, Mädchen Faltenröcke.
Eigenartig wirken auf uns natürlich die vornehmlich weißen Gesichtsmasken, die viele tragen. Der Mundschutz hat sich in Japan schon lange vor dem Ausbruch der Schweinegrippe etabliert, um sich selbst und andere vor Viren zu schützen, vor allem im Winter und in der Heuschnupfensaison. Doch inzwischen gibt es noch eine Menge psychologischer Gründe, das Tragen der Masken entspricht einem gewissen Trend zur Verschleierung, der Rundumschutz bewirkt auch das Verstecken der unmittelbaren Gefühlswelt und erzeugt Sicherheit. Daran stößt sich keiner! Warum also bei uns immer wieder die erbitterte Diskussion um das Tragen der Kopftücher?
Vorbildlich hier, aber auch allerorts sonst im weiteren Verlauf unserer Ostasienreise, die engagierten Hilfestellungen für Behinderte. Unter anderem ziehen sich gelbe, rillenartige Streifen entlang aller Gehwege, Musiksignale ertönen bei Kreuzungen und erleichtern Blinden so das Vorankommen.

Zur Kirschblütenzeit ist der Ueno-Park Tokios beliebtester Ort für Picknicks und feuchtfröhliche Partys unter den Bäumen, darauf haben wir uns schon gefreut! Aber der Sturm hat leider zwei Tage getobt, die meisten Äste sind abgeknickt, die Blüten verweht, ungewöhnlich für diese Zeit, erklärt uns ein älterer Japaner.
Wir besichtigen einige prächtige Tempel und die Außenanlage des Kaiserpalastes, düsen 40 Stockwerke zur Aussichtplattform des 243 m hohen Rathauses, ein Spätwerk des berühmten Architekten Tange Kenzo, empor und erleben einen fantastischen Rundblick über die Millionenstadt.

Fast wie ein Dorf wirkt dagegen die Kleinstadt Nikko, hier befindet sich die gewaltigste und prachtvollste Anlage Japans, der Toshogu-Schrein. Ungefähr
350 Millionen Euro würde der Bau des Tempelbezirks mit Eingangstoren und Hallen nach heutigen Kosten kosten, 200 000 japanische Zedern wurden eigens angepflanzt, von denen heute noch rund 13 000 stimmungsvolle Alleen bilden.
In 50 atemberaubenden Haarnadelkurven windet sich der Bus zum 1271 m hohen Chuzenji-See hinauf, von hier aus wollen wir den 2484 m hohen Heiligen Berg Nantai besteigen. Auf kaum erkennbaren, steilen Pfaden gelangen wir bald zu den ersten Eisrinnen, ein zunehmend mühevolles Unterfangen. Bis zum letzten Schrein, knapp unter dem Gipfel, schaffen wir es noch, dann kommt uns ein Japaner entgegen und gibt uns zu verstehen, dass wir ohne Steigeisen nicht weiter können. Plötzlich verdüstert sich auch noch der Himmel und die wie Blüten erscheinenden weißen Flankerln arten bald in ein gehöriges Schneegestöber aus. An Astwerk klammernd, halb rutschend, halb steigend, bemühen wir uns, so schnell wie möglich wieder nach unten zu gelangen.
Unser Hausherr in der kleinen gemütlichen Pension erwartet uns schon, das Zimmer ist warm aufgeheizt, unsere Sachen werden getrocknet und wie jeden Tag, sind liebevolle Geschenke auf dem Teetischchen vorbereitet. Im Laufe unseres Aufenthalts in diesem Land werden wir immer wieder mit kleinen Geschenken, oft von gänzlich Unbekannten und ohne jeden Grund, erfreut, eine nette Geste, die uns fasziniert, wie so vieles in dem Land: Die unglaubliche Freundlichkeit, Geduld und Hilfsbereitschaft der Menschen, der gegenseitige Respekt und die Höflichkeit, auch wenn manche behaupten, dass sie nur aufgesetzt ist, wirken sehr wohltuend, angesichts der immer häufiger auftretenden Muffigkeit und sozialen Verrohung in unseren Landen.

Am Samstag, 13. April erwachen wir im 12. Stockwerk des Hotels in Nagoya durch ungewöhnliches Schaukeln des Bettes. Was ist los? Erst langsam begreifen wir – ein Erdbeben! Aber da ist der Spuk auch schon wieder vorbei. So hat Geri jedenfalls den Auftakt zu seinem Geburtstag noch nie erlebt! Beim Frühstück erfahren wir, dass ein schweres Erbeben mit Zentrum in Kobe stattgefunden hat!
Nichtsdestotrotz machen wir uns in das von einer herrlichen Bergwelt umgebene, rustikale Dörfchen Takayama auf. Wir besichtigen das historische Regierungshaus, das einzig erhaltene in seiner Art in ganz Japan, und entdecken in den mit Bastmatten ausgelegten und mit Schiebetüren versehenen, niedrigen Räumen auch einen Schlafbereich für Beamte on duty, ein Grinsen können wir uns da nicht verkneifen!
An den bewaldeten Bergausläufern führt ein herrlich angelegter 4 km langer Wanderweg vorbei an 13 kleinen Tempelstätten und Schreinen, entzückende Oasen der Beschaulichkeit, und wir sind hier ganz alleine unterwegs!
Welch Kontrast dagegen das von Menschen wimmelnde, gewaltige Bahnhofsgebäude in Kyoto, ein Meisterwerk moderner, japanischer Architektur! Eine mehrteilige Rolltreppe führt bis hinauf zu einem Dachgarten, von dem aus man das Häusermeer der Stadt überblicken kann. Das Erscheinungsbild der alten Kaiserstadt ist vielfältig: Mäßiger Autoverkehr, dafür flitzen zahlreiche Radfahrer auf den Straßen und Gehsteigen. Zu unserem Entzücken tragen viele Frauen - noch oder wieder - den traditionellen, wunderschön gemusterten Kimono.
Anmutig gliedert sich das Nijo-Schloss mit seinen harmonisch ausladenden, schwarzen Dächern und goldverzierten Giebeln in den Landschaftsgarten ein. Das Hauptgebäude ist aus japanischem Zypressenholz erbaut, eine besondere Bodenkonstruktion im Inneren hinterlässt bei jedem Schritt ein Geräusch, als Quietschen oder Ruf der Nachtigall aufzufassen, es sollte einst jederzeit hörbar sein, wenn sich im Schloss jemand bewegt.
Der Alte Kaiserpalast selbst ist nicht zugänglich, dafür werden wir beim Durchstreifen des Parks endlich mit der herrlichsten Kirschblüte belohnt! Schwer biegen sich die Äste unter der dichten, rosa Blütenpracht zu Boden und bilden Lauben, in denen Alt und Jung auf den abgefallenen Blütenblättern wie auf einem fein gewobenen Teppich lagern. Eine Atmosphäre der Freude und Heiterkeit schwebt über allem. Wir sind ganz hingerissen von der märchenhaften Schönheit und können uns gar nicht satt sehen.
Bei den vielen, großartigen Tempeln müssen wir leider eine Auswahl treffen! Wir besuchen den sich zauberhaft im Teich spiegelnden Goldenen Pavillon, einen zwischen stillen, meditativen Gärten angelegten Zen-Tempel und stapfen auf die auf einem Steilhang errichtete Holzveranda der riesigen Anlage des Kiyomizu-dera-Tempels.

In einem weiteren Tempel bestaunen wir die 1001 aus Holz gefertigten und mit Gold überzogenen Buddha-Statuen, die in einer 120 m langen Halle aufgereiht sind, dazwischen thront eine riesige Buddha-Figur, davor Skulpturen von Wächtergottheiten.
10 000 rote Torii überwölben den 4 km langen, steilen Treppenweg auf den Mt. Inari. An vielen Stellen stehen sie so eng, dass sie förmlich einen Tunnel bilden, unzählige kleine Schreine und Hunde-Statuen aus Stein fügen sich dazwischen ein. Der Duft von Räucherstäbchen überzieht die wohltuende Stille des Waldes, nur vielstimmiges Vogelgezwitscher ist zeitweise zu vernehmen.
Abends begeben wir uns ins Vergnügungsviertel Gion. Zur Edo-Zeit entstanden hier die ersten Geisha-Häuser. Ursprünglich wurde der Beruf nur von Männern ausgeübt, erst ab dem 17. Jh. übernahmen Frauen die Aufgabe, einen Hauch von Poesie, Schönheit und kultivierte Zerstreutheit in die von strengen Regeln und Verpflichtungen bestimmte Männerwelt zu bringen. Heute gibt es natürlich nur mehr wenige dieser Tradition bewahrenden Unterhaltungskünstlerinnen, man bekommt sie auch kaum zu Gesicht. Wir entdecken zufällig zwei in einem vorbeifahrenden Taxi.

Hiroshima verbindet wohl jeder mit dem Abwurf der ersten Atombombe am 6. August 1945 um 8 Uhr 15, eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte begann. Als sich Rauch, Staub und Hitze verzogen hatten, bot sich ein Bild des Grauens.
Nachdenklich durchwandern wir das Museum und den Friedenspark, von Tange Kenzo gestaltet, bis zur Friedensglocke und zum Kinderdenkmal, wo Schüler bunte, gefaltete Papierkraniche in Gedenken an das Mädchen Sadako und ihr Schicksal, das in eindringlicher Weise als Jugendroman verarbeitet wurde, und an alle anderen betroffenen Kinder, aufgehängt haben.
Auch der Atombombendom, eine als Mahnmal erhaltene Ruine, befindet sich in der Nähe. Doch sosehr wir von den Menschen hier begeistert sind, ist es uns unbegreiflich, dass trotz allem vielen Japanern der Zusammenhang mit dem vorausgegangenen Angriff auf Pearl Harbour heute noch fremd ist. Während der einstündigen Fahrt mit der Straßenbahn zum Pazifik lernen wir eine Zeitzeugin kennen, die uns erzählt, wie sie als 14 jährige den Atombombenabwurf miterlebt hat.
Unser Ziel ist die Heilige Schrein-Insel, auf der der Gottheit geweihte zahme Rehe und Hirsche herumspazieren. Schon von weitem erblickt man das gewaltige, rote Torii, das im Wasser zu schweben scheint. Die auf Pfählen angelegten Korridore und Plattformen des Schreins beherbergen buddhistische und shintoistische Heiligtümer.
Wir kommen gerade zur feierlichen Zeremonie einer Hochzeit zurecht und zu einer der seltenen Aufführungen des klassischen No-Spiels, des ältesten Theaters der Welt. Beeindruckend die prächtig gewandeten Figuren, das Gehabe und die Sprechgesänge, nur die uralte Hof-Musik auf Originalinstrumenten harmoniert nicht ganz für unsere Ohren!

Ganz früh am Morgen starten wir unsere Radtour von Onomichi aus, auf einer Strecke von 80 km wollen wir sechs Inseln überqueren, die jeweils mit technisch spektakulären Stahlkonstruktionen verbunden sind. Vorbei an traditionell verschachtelten Holzhäusern, im typisch japanischen Stil mit mehreren Schwungdächern erbaut, einem prächtig ausgeschmückten Tempel und winzigen Inselchen, die gar putzig verstreut in den Meeresbuchten aus dem Wasser ragen, bewegen wir uns zunächst gemütlich dahin.
Aber die steilen Anstiege bei den mächtigen Brücken verlangen uns nicht nur zähes Treten und viel Muskelkraft, sondern vor allem Zeit ab. Voll Schreck rechnen wir uns aus, dass wir uns sputen müssen, denn die Räder müssen zu einer vereinbarten Zeit am Ende der Strecke in Imabari zurückgegeben werden. Also bleiben uns zunehmend nur mehr kurze Trinkpausen, denn wir müssen weiter, weiter, weiter, obwohl uns schon die Oberschenkel brennen. Die letzte Brücke spannt sich in einem Bogen von 6 km, eine eigene, schmale Radauffahrt windet sich in einem weiten Kreis auf Betonstelzen hinauf! Ein vorbeifahrender Motorradfahrer lotst uns später zum Zielort, den hätten wir alleine schwer gefunden, und auf die Minute genau übergeben wir die Räder!
Fürs erste nehmen wir nun Abschied von Japan, denn wir werden bald wiederkommen!



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